„Diese Deutschen sind schlimmer als die wildesten Löwen. Aus Habgier handeln diese menschlichen Teufel viel brutaler als alle ihre Vorgänger“ –
mit diesen Worten beschrieb der spanische Dominikanermönch Bartolomé de las Casas 1552 das Vorgehen der deutschen Invasoren im indigenen Territorium der Bevölkerungen Warao, Wayuu und Caquetío. 1528 erhielt die in Augsburg ansässige Familie der Welser vom Kaiser Karl V. das „Recht“, ihre und auch unsere Mutter Erde in dieser Region (die heute „Venezuela“ genannt wird) auszubeuten.
Dabei ist klar: Niemand hatte jemals das „Recht“, geraubtes und angegriffenes Land und Leben zu „verschenken“ und niemand hatte jemals das „Recht“, dieses lebendige Territorium zu überfallen!
Im Gegenteil: Die Taten der Welser, wie jene der Fugger, sind Verbrechen gegen das Leben, die Natur und die Menschlichkeit, und der einzige Umstand, der sie vor einer Anklage und Verurteilung schützte, ist, dass die Erben des kolonialen und kapitalistischen Systems weiterhin diese Verbrechen begehen, die Geschichte verfälschen und jeden Aufstand – auch autonomer Erinnerungsarbeit an die Geschichten der Rebellion gegen die Verbrechen der Fugger, Welser und ihresgleichen – unterdrücken.
Angeklagt: Bartholomäus V. Welser
für Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf beiden Seiten des atlantischen Ozeans
Zur Person
Bartholomäus V. Welser der Ältere wurde am 25. Juni 1484 in Memmingen geboren. 41 Jahre später wurden genau an diesem Ort die „Artikel von Memmingen“ als berühmtester Ausdruck der Forderungen der rebellischen Bäuer*innen von 1524-26 verkündet. Auch deren Verteidigung des Lebens attackierten die Welser, auch in Europa begingen sie Verbrechen gegen Leben, Natur und Menschlichkeit, die uns bis heute beeinträchtigen.Am 28. März 1561 starb Bartholomäus im hohen Alter von 76 Jahren friedlich eines natürlichen Todes in Amberg, ohne je für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Doch die Vergangenheit ist so offen wie Gegenwart und Zukunft. Gemeinsam klagen wir ihn an, von beiden Seiten des Ozeans aus, beim AUGSBURG TRIBUNAL I.
Weiterführende Informationen finden sich unter „Kolonialismus – Von den Welsern bis EDEKA & Co.“ auf der Seite der Kampagne „500 Jahre Widerstand. Für das Leben, für das Land“ unter: https://500jahre.org/2025/08/26/kolonialismus-von-den-welsern-bis-edeka-co/
In Deutschland lernen wir Fugger und Welser meist als bedeutende, bewundernswerte Menschen kennen: Im Schulunterricht oder im Museum wird ihr unternehmerischer Ehrgeiz positiv dargestellt, ihr immenser Reichtum auf innovative Schritte im frühen Kapital/Finanz/Kredit- und Bankwesen zurückgeführt wie verehrt. Nicht selten werden sie gleichsam als Wohltäter gefeiert oder als Vorboten einer angeblich „Sozialen Marktwirtschaft“ eingeführt (s.u.).
Diese Bewertung ist das Ergebnis einer Geschichtsverfälschung: Fugger und Welser sorgten durch ihre Unternehmungen für eine steigende Ausbeutung von Bäuer*innen durch bei ihnen verschuldeten Landesfürsten und Landbesitzern. Sie förderten damit auch den Rückgang kollektiver Landnutzung wie der „Allmende“ und sind Teil des „Siegeszugs der Monokultur“ (Florian Hurtig). Um ihre Geschäfte und die sie bedingende politische Ordnung zu schützen, finanzierten sie die Niederschlagung der Bäuer*innen-Aufstände durch brutale Söldnerheere.
In Abya Yala sind Fugger und Welser fast völlig unbekannt. Wenn es um die Invasion der Kolonisatoren und die anschließende Geschichte von Landraub, Genozid und Ausbeutung geht, spielen vor allem zwei Akteure eine entscheidende Rolle: Die politisch Herrschenden (Kaiser, König, …) und die religiös Herrschenden (Missionierung, Kirche, Papst, …) – oft fehlt die entscheidende dritte Macht im „Triumvirat des Kolonialismus“: Die wirtschaftlich Herrschenden!
Doch die „Conquista“ wäre nicht möglich gewesen ohne die Finanzierung durch Fugger und Welser: Die Augsburger Familien finanzierten Karl V. wie den Papst gleichermaßen, auch bei ihrer kolonialen Invasion Abya Yalas und anderen Teilen der Welt: Schiffe, Silberminen, Waffen: Politik und Kirche stand bei den Bankiers in schwerer finanzieller Schuld – während Fugger und Welser ihren finanziellen Reichtum durch die „Conquista“ immer weiter erhöhten:
Sie beteiligten sich an Landraub und Bergbau; damit gleichsam an der Verschleppung, dem Verkauf und der Zwangsarbeit versklavter Menschen; der Vernichtung ganzer lokaler Bevölkerungsgruppen und massenhafter Naturzerstörung. Die Globalisierung ihres auf Silbermünzen basierendem Währungssystems legte wichtige Grundsteine für die Ausbreitung des kapitalistischen Systems auf dem ganzen Planeten. Während sie vor der „Eroberung“ Abya Yalas auf der Ausbeutung von Bergarbeiter*innen etwa im heutigen Tirol oder Ungarn beruhte, fielen den neuen Minen in den brutal eroberten Regionen etwa des heutigen Boliviens oder Mexikos unzählige Menschenleben zum Opfer: Sie wurden durch Arbeitsbedingungen und Überanstrengung, Vergiftung (etwa den Einsatz von Quecksilber), Strafen und Hinrichtungen sowie Aufstandsbekämpfung massenhaft in den Tod getrieben. Oft waren Fugger und Welser indirekt oder direkt an dieser „Entwicklung“ beteiligt: Sie finanzierten entsprechende Kolonial-projekte, kontrollierten teilweise die benötigten globalen Handelswege (z.B. den Transport von Quecksilber aus Minen in Spanien zu Silberminen nach Abya Yala und der Münzen zurück nach Europa) und bauten ihr Imperium immer weiter aus.
Eines der eindrücklichsten Beispiele für die direkte Beteiligung am Kolonialismus war die „Klein-Venedig“ genannte Kolonie der Welser in einem Teil des heutigen Venezuelas von 1528-1546. Auch als „Welser-Kolonie“ oder „Welserland“ bekannt durchbricht diese Geschichte nur als Spitze des Eisbergs die falsche und nicht zufällig verbreitete Annahme, dass deutsche Akteure im 16. Jahrhundert noch nicht direkt an den Verbrechen des weltweiten Kolonialismus beteiligt gewesen sein sollen (s.u.).
Frühkapitalismus, „Bauernkrieg“ und Kolonialismus: Eine gemeinsame Geschichte
- Ohne die Fugger-Welser-Kredite wären die kolonialen Zerstörungszüge (beispielsweise die „mexikanischen“ und „peruanischen“ [Cortés, Pizarro]) so nicht möglich gewesen.
- Kapital aus der Ausbeutung europäischer Bäuer*innen floss in dieselben Kassen, die koloniale Eroberungen ermöglichten.
- Die Ausbeutung durch die Welser betraf viele Menschen, nicht allein Bäuer*innen: Sei es die Ausbeutung der Augsburger Weberinnen und Weber, der Tiroler Bergleute oder der Strafgefangenen in Almadén.
- Neben Genozid(en), Zerstörung von Lebensweisen, Kosmovisionen, Landschaften und Ökosystemen bedeutete dies den „Siegeszug der Monokultur“ nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch im Denken: Unzähliges Wissen, Verbindungen zur Erde und zum Kosmos sowie zyklische Zeit- und Lebensvorstellungen wurden auf beiden Seiten des Atlantiks vernichtet. Aufständen gegen diese Vernichtung wurde auf beiden Seiten durch brutale Niederschlagung begegnet, die ebenfalls auch Fugger und Welser gefordert und (finanziell) unterstützt hatten.
- Dazu: Die „Conquista“ schuf eine neue Grundlage der europäischen Geldwirtschaft, das kapitalistische System wurde globalisiert.
- Der Bäuer*innenaufstand (in Europa) fällt nicht einfach zeitlich „in diese Phase“, sondern die lokale Bäuer*innen-Ausbeutung ermöglicht die Ausweitung zu einem vernetzten, planetaren Extraktivismus.
- 1528-1546 „Welser-Kolonie“: Der Kaiser konnte seine Schulden bei den Welsern nicht zurückzahlen und „verpfändet“ einen Teil des heutigen Venezuelas als „Lehen“ an die Welser.
- Es kam zu eigenen Ansiedlungen -> Neu-Augsburg, Neu-Nürnberg.
- „Vertraglich geregelt“ stellten die Welser Gouverneure und Beamte in dem Territorium, zudem waren sie für die Ausbeutung des Territoriums von Zöllen und Hafengebühren befreit (im Beweisstück „Asiento“ festgelegt).
- Teil des „Vertrags“ war auch das „Recht“ zur Versklavung (der lokalen Bevölkerung wie der „Einführung“ versklavter Menschen aus Afrika) (siehe „Asiento“).
- Die Welser waren besonders interessiert an der Ausbeutung von Gold-, Silber- oder Edelsteinen, außerdem Zucker, Salz oder Edelhölzern -> Ein Ausbleiben von Funden der erhofften Menge von entsprechenden Rohstoffen folgte die Um-Fokussierung auf wirtschaftlichen Profit durch Versklavung/Versklavungshandel und Landwirtschaft -> ganze Bevölkerungsgruppen wurden gejagt, getötet oder versklavt, ganze Landstriche zerstört, Wälder abgeholzt, landwirtschaftliche Monokulturen forciert und versklavte Menschen zur Zwangsarbeit auf Plantagen gezwungen.
- Versklavung; Zwangsarbeit; Verfolgung, Ermordung insbesondere der indigenen Bevölkerung. Lokale Bevölkerungsgruppen wurde versklavt und vor Ort zur Arbeit gezwungen oder verkauft. Menschen in Afrika wurden versklavt und zur Zwangsarbeit in das Territorium deportiert.
- Die Brutalität in der „Welser“-Kolonie war so hoch, dass bei der „Audiencia“ (dem Gerichtshof der Kolonial[!]verwaltung) Klagen selbst durch die spanische Bevölkerung vor Ort anstiegen.
- Unter Armut und Ausbeutung durch die Herrschenden litten z.T. auch die aus Europa (teils zwangsweise) angesiedelten Kolonisten.
>>>Die Bäuer*innenaufstände waren kein isoliertes europäisches Ereignis, sondern Teil eines globalen Prozesses, in dem Kapitalakkumulation durch Enteignung (in Europa) die Kolonialisierung (Afrika, Abya Yala, Asien) mit ermöglichte. Fugger und Welser sind hier eine sichtbare Brücke.
Konkreter Fall: Die Kolonie der Welser
Landraub, Gewaltherrschaft, Mord, Versklavung, Zwangsarbeit, Ressourcenraub und Genozid im Territorium der Warao, Wayuu und Caquetío und weiterer indigener Bevölkerungsgruppen (heute ein Teil des Landes, das „Venezuela“ genannt wird), von den Welsern als „Klein-Venedig“ kolonialisiert.
LINKS
„Koloniale Aktivitäten der Welser“, in: Fugger- und Welserstraßen dekolonisieren, (Online),https://fuggerandwelserstreetdecolonized.wordpress.com/timeline/koloniale-aktivitaeten-der-welser, [zuletzt aufgerufen am 26.08.2026].
UNIVERSITÄT AUGSBURG- Lehrstuhl für Politikwissenschaft- Friedens- und Konfliktforschung, Von El Dorado nach Augsburg. Erinnerungen an die Welser-Kolonie. Ein spurensuchendes Fotoalbum,
https://www.researchgate.net/publication/393639742_VON_EL_DORADO_NACH_AUGSBURG_ERINNERUNGEN_AN_DIE_WELSER-KOLONIE_Ein_spurensuchendes_Fotoalbum, [zuletzt aufgerufen am 24.09.2026].
MONTENEGRO Giovanna, “The Welser Phantom”: Apparitions of the Welser Venezuela Colony in Nineteenth- and Twentieth-Century German Cultural Memory,
https://escholarship.org/uc/item/06t7z88k, [zuletzt aufgerufen am 24.09.2026].
ROTH Julia, ‘The First Global Players’: The Welsers of Augsburg in the Enslavement Trade and the City’s Memory Culture,
https://www.degruyterbrill.com/de/document/doi/10.1515/9783111331492-008/html?srsltid=AU7gw4VvpBaJnYXaxIj8bYyt6x3U6Ge1KSSp-_W1YIkbDQLz2MCvFbQE
, [zuletzt aufgerufen am 24.09.2026].
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* Auch in anderen Territorien handelten die Welser ähnlich und sind weiteren Verbrechen schuldig: Bereits vor dem „Besitz“ über „Klein-Venedig“ hatten die Welser koloniale Niederlassungen: Etwa in Santo Domingo (heute Haiti/ Dominikanische Republik), von wo sie sich an der Versklavung von Menschen beteiligten; die Zuckerplantagen förderten (das erste koloniale Massenprodukt der Weltwirtschaft) und explizit die kolonialen Zerstörungszüge auf dem Festland unterstützten. Noch früher (1503-1509) besaßen die Welser Niederlassungen auf Madeira und auf den Kanaren, hier beginnt ihre Beteiligung im Zuckergeschäft, sie betreiben auch eine Zuckermühle. „Gerade auf der Insel Madeira wird der Zuckerrohranbau durch die Zwangsarbeit von verschleppten versklavten Personen verrichtet.“ (aus: „Koloniale Aktivitäten der Welser“). Hinzu kommt die Ausbeutung von Weber*innen; Bäuer*innen und Bergleuten in Mitteleuropa (s.o.). Ein Vertreter der Welser kontrollierte neben der „Welser-Kolonie“ im heutigen Venezuela auch ein Territorium des heutigen Kolumbiens („Federman-Landgut“).
** Die Welser und die Anklage gegen Bartholomäus und Anton Welser steht heute hier nur stellvertretend in dem Sinne, dass sich deutsche Akteure in vielen Fällen bereits lange vor dem 19. Jahrhundert u.a. an Versklavungshandel und genozidalen „Eroberungen“ beteiligten: Ein weiteres Beispiel sind die brandenburgisch-preußischen und norddeutschen Beteiligungen am Sklavenhandel und Kolonien im 17. Jahrhundert (Groß-Friedrichsburg im heutigen Ghana; Arguin im heutigen Mauretanien, St. Thomas als später dänische Kolonie in der Karibik, die `Krabbeninsel´ als heutiger Teil Puerto Ricos oder Whydah im heutigen Benin).
Eine kleine Auswahl von durch Fugger und Welser geförderte Kolonialfahrten: 1493 nach China; 1498 die Finanzierung der Indienfahrten Vasco da Gamas; 1499 Pedro Cabals Zerstörungszüge ins heutige Brasilien; 1519 die Magellan-„Expeditionen“ auf die Philippinen; 1540 die Unterstützung der kolonialen Bergbauprojekte der dänischen Krone im Territorium der Sámi; (1890er noch Fugger-Welser Mitbeteiligung im Kontext des Kolonialismus in Ruanda; Burundi; Mosambik).
*** Ein Großteil der Beteiligung an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zuge des Kolonialismus durch Fugger und Welser fand „indirekt“ durch das Fördern weltweiter Handelswege, Tauschgüter und vor allem Finanzierung statt.
**** Die Anklage gegen die Welser ist an dieser Stelle in dem Sinne unvollständig und muss fortgeführt werden (sie ist im selben Sinne stellvertretend), da die Beteiligung oder das direkte Begehen der aufgeführten Verbrechen nicht auf Europa und Abya Yala beschränkt ist. Fugger und Welser beteiligten sich an kolonialen Verbrechen in Afrika und Asien, oft durch die Finanzierung entsprechender europäischer „Expeditionen“.
Es sollen zwei weitere Anklagepunkte eingeführt und betont werden:
1.) Geschichtsverfälschung und Vertuschen der genannten Verbrechen; Angriff auf nicht-lineare, historistische Zeitvorstellungen.
In großem Ausmaß erinnerten zuletzt bezeichnenderweise die Nationalsozialisten an die kolonialen Verbrechen der Welser und Fugger, die diese positiv verstanden und für eigene Kolonialambitionen nutzten.1 Lange Zeit und in vielen Fällen werden die Verbrechen der Fugger und Welser sowohl im Kontext der deutschen Bäuer*innenaufstände als auch im Kontext der Invasion Abya Yalas verschwiegen oder heruntergespielt.2 Gleichzeitig werden die Aufstände gegen die Welser-Verbrechen ignoriert. Zu diesen gehören, u.a.:
Caquetío-Aufstand 1532 – Arahuacos, quiriquire, jirajara
Kurz nach der Ankunft der Welser-Statthalter wird aktiver Widerstand gegen die „Sklavenjagden“ geleistet und dieser blutige niedergeschlagen. Ganze Gemeinden werden ausgelöscht. Es gelten auch hier alle obigen Anklagepunkte 1, 2, 3 und 4.
Jirajara-Widerstand (1530er Jahre)
Mehrere Guerilla-artige Kämpfe gegen spanisch-welsische Truppen, auch sie enden teilweise in der Niederschlagung.
Timoto-Cuica-Aufstände (um 1535–1540)
In den Hochlandtälern halten sich feste Verteidigungsanlagen der lokalen indigenen Bevölkerung, entsprechend lang währt die Autonomie, Kultur- und Ernährungssouveränität.
Mit 1.) zusammenhängend: 2.) Das Schaffen von Grundlagen des kolonialen, kapitalistischen Systems, die bis heute wirken.
Das Ermöglichen dieser Geschichtsverschweigung- oder verfälschung ist in dem Sinne direkt mit den Verbrechen der damaligen, hier angeklagten Welser verbunden, da die ihren Verbrechen ein koloniales, kapitalistisches System förderten und weltweit mitverbreiteten, das neben Menschenleben und Natur auch andere Formen von Wissen, Geschichte und Erinnerungsarbeit (teilweise) vernichtete. Erst so konnte sich eine „Monokultur“ auch im Denken und der Vorstellungskraft durchsetzen. Dazu gehört die Idee einer „linear“ verlaufenden Zeit und einer determinierten, „fortschrittlichen“ Entwicklung. Aus dieser heraus werden Verbrechen der Welser und Fugger als „unvermeidbar“ oder sogar „notwendig“ für die „Entwicklung“ und den Geschichtsverlauf bewertet. Auch diese Zeitidee ist kolonial. Durchbricht man sie, sind die Rebellionen von „damals“ noch aktiv (so in heutigen Kämpfen) und das Urteil über die Gebrüder Bartholomäus und Anton Welser noch nicht gesprochen.
Gegen die Geschichtserzählung, die Welser und Fugger als erfolgreiche Unternehmer feiert, steht die autonome Geschichtsarbeit der Unterdrückten und Kämpfenden über Zeiten und Territorien hinweg.
Ersteres legitimiert auf Basis einer Trennung von Kosmos, Mensch und Umwelt heutige Verbrechen gegen die Menschlichkeit genauso wie „vergangene“, letztere sieht eine lebendige Verbindung zwischen vergangenen, gegenwärtigen und kommenden Rebellionen gegen die Herrschaft.
Entsprechend kann eine „Erinnerung“ an die Verbrechen der Angeklagten nicht ausreichen, sie muss im Jetzt zu einer widerständigen Praxis führen.
Die Welser schufen Voraussetzungen nicht nur ideell sondern auch materiell für die weitere Ausbreitung eines zerstörerischen kapitalistischen Wirtschaftsystems: Durch die aktive Förderung von Strukturen, Institutionen, Handelswegen und Währungsformen sowie durch die (teilweise) Zerstörung von „alternativen Möglichkeiten“ (nach Aime Césaire) auch in der Vorstellung von vielen Menschen heute.
Zitate aus der Literatur:
„Die ,Nachfrage’ nach versklavten Menschen wurde immer größer – dies war ein Zustand, den sich die Welser zunutze machten. Mit ihren in Venezuela tätigen Faktoren Ehinger und Sailer wurde am 12. Februar 1528 vertraglich der „Transport“ von 4000 afrikanischen Menschen festgelegt. An diesem Geschäft verdienten die Welser hervorragend. Der Gewinn sollte 80.000 Dukaten bringen.[32] Diese 4000 versklavten Menschen sollten über das spanische Kolonialreich verteilt werden.
Doch auch den Ort ihrer Statthalterschaft, Venezuela, wollten die Welser mit versklavten Menschen versorgen und stellten einen Antrag, noch 800 weitere versklavte Menschen einführen zu dürfen. Diesem wurde stattgegeben und die ,Lizenzgebühr’ auf lediglich einen Dukaten herabgesetzt, weitere Abgaben mussten nicht gezahlt werden.[33] Ein lohnendes Geschäft. Doch das restliche Vorhaben lief nicht wie geplant. Trotz zahlreicher „Entradas“ (Eroberungszüge) stießen die Welser kaum auf Goldvorkommen. Insgesamt sollen 20.000 Kilometer zurückgelegt worden seien, „[…] mehr als sich von jedem anderen Konquista-Unternehmen des 16. Jahrhunderts sagen lässt.“
(aus: Jan-Luc Treumann: „Nicht alles was glänzt, ist sauber“, in: Homestory Augsburg, (02.06.2015), (Online), https://bloghomestoryaugsburg.wordpress.com/2015/06/02/nicht-alles-was-glanzt-ist-sauber/#more-115, [zuletzt aufgerufen am 26.08.2026]).
„Als Wegbereiter des ‚Frühkapitalismus‘ war der Aufstieg der Fugger und Welser unweigerlich mit der Ausbeutung natürlicher Ressourcen und menschlicher Arbeit verbunden. Die Welser waren zudem als Kolonialverwalter im heutigen Venezuela aktiv. Kolonialismus ist aber nicht nur ein Thema der Vergangenheit, die Folgen wirken bis heute nach, sei es in Ungleichheiten, Machtasymmetrien oder der alltäglichen Sprache.“
„Die Welser waren eine der bedeutendsten Handelsfamilien der Augsburger Geschichte, neben den Fuggern. Der namhafteste war Bartholomäus Welser (1484-1561), welcher von 1519 bis 1551 die Augsburger Welser-Gesellschaft leitete. Diese Gesellschaft verschleppt auch über tausende versklavte Menschen aus Afrika nach Klein-Venedig, welches sie von Kaiser Karl V. als Lehen zugesprochen bekommen haben. Dieses Lehen gab ihnen ein Recht auf Besiedelung, Ausbeutung und Versklavung. Mit diesen Handlungen waren sie Teil des Dreieckshandels, der ein Austausch an Menschen und Waren zwischen Europa, Afrika und Südamerika war.
(aus: Sebastian Purwins: „Augsburgs koloniale (K)Erben“, (26.01.2021), (Online), https://storymaps.arcgis.com/stories/6b61d854839443eab3a9bb964479be7a, [zuletzt aufgerufen am 26.08.2026]).
Nachweise:
Sammlung/ Zusammenstellung auf: „Fugger und Welser“ in: Augsburg Postkolonial, (Online), https://augsburgpostkolonial.wordpress.com/fugger-welser/, [zuletzt aufgerufen am 26.08.2026].
„Koloniale Aktivitäten der Welser“, in: Fugger- und Welserstraßen dekolonisieren, (Online), https://fuggerandwelserstreetdecolonized.wordpress.com/timeline/koloniale-aktivitaeten-der-welser/, [zuletzt aufgerufen am 26.08.2026].
Nadja Ofuatey-Alazard: „Die europäische Versklavung afrikanischer Menschen“, in: Arndt, Susan/Ofuatey-Alazard, Nadja (Hrsg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster 2015, S. 103-113.
1 1934 soll Adolf Hitler über seine politischen Expansionsziele über Abya Yala gesagt haben: „Übrigens haben wir ein Anrecht auf diesen Kontinent. Die Fugger und Welser haben hier Beziehungen gehabt. Wir haben wieder gutzumachen, was unsere deutsche Zersplitterung verschuldet hat, daß wir hier, wie überall, nicht halten konnten, was wir besetzt haben.“ (zitiert in: Solidaritätsbewegung mit dem Volk von Guatemala (Hrsg.): Guatemala Nachrichten 1981 (Juli) 2. Jahrgang: „Die Helfer der Reaktion, Deutsche in Guatemala 1945-1981“.)
2 Ein Beispiel sind Straßenbenennungen und offizielle Erinnerungen in der Stadt Augsburg; auch im Schulunterricht treten Welser und Fugger oft noch als „Visionäre“ und „erfolgreiche Unternehmer“ auf. Besondere Kritik traf zuletzt immer wieder auch die im „Fugger und Welser Museum“ verbreiteten Narrative („CEOs der Renaissance“; „Erfolgsgeschichte“; „wegweisend“; „ihrer Zeit weit voraus“). Zuletzt wird eine stärkere „Auseinandersetzung“ mit den Verbrechen der Welser betont, die aber (etwa im beschriebenen Museum) unzureichend bleibt, wenn es etwa heißt: „500 Jahre Erfolgsgeschichte [sic] soll reflektiert werden“.



