Frauen in den Aufständen um 1525 im deutschsprachigen Süden und was wir daraus für unsere Gegenwart lernen können.
Von Liou Panther.
Ob der große Zehnt (auf Getreide, Schafe, Kühe, Pferde), der kleine Zehnt (auf Eier, Kleinvieh, Gemüse, Obst), Weinzehnt, Holzzehnt oder Brauzins … Die hohe Abgabenlast auf landwirtschaftliche Produkte gilt als einer der Gründe für die Aufstände der Bäuer*innen um das Jahr 1525. Die einfachen Leute aus Stadt und Land stellten vor 500 Jahren das gesamte Herrschaftssystem in Frage. Sie konnten die Bibel nun selbst verstehen. Darin fanden sie nicht geschrieben, dass sie Adlige und Klerus mitversorgen und sich unter Zwang in die Leibeigenschaft beugen mussten. Dieses Wissen wurde zum Antrieb und ließ die Aufstände in Mitteleuropa in den Jahren 1524-1526 zu einer Massenbewegung anwachsen.
Frauen im Aufstand
Einige neue Erkenntnisse hat das Gedenkjahr 2025 zu Tage gefördert. Es hat aber insbesondere verdeutlicht, was wir alles nicht wissen. Das liegt einerseits an den einseitigen Quellen: Bei Gerichtsakten und anderen Verwaltungsdokumenten überwiegt der herrschaftliche Blick. Andererseits hat eine „männliche Perspektive“ die Geschichtsschreibung lange Zeit dominiert. Der Fokus auf Ereignisgeschichte verengte die Sicht auf die Vergangenheit enorm. Dass Frauen im sogenannten Bauernkrieg keine Rolle gespielt hätten und passiv geblieben seien, wurde zur landläufigen Lehrmeinung.
Dass der Aufstand aber kaum möglich gewesen wäre, hätten nicht Frauen die Höfe weiter bewirtschaftet, während die Männer umherzogen, macht Lyndal Roper in ihrem bahnbrechenden Werk „Für die Freiheit“1 deutlich. In der 2024 erschienenen Forschungsarbeit nimmt sie die Perspektive der Bäuer*innen ein. Sie schafft es, die Lesenden nachempfinden zu lassen, wie es damals gewesen sein könnte. Auch Janine Maegraith2 konzentriert sich in ihren Forschungen auf sozialgeschichtliche Fragestellungen. Momentan untersucht sie die ländliche Gesellschaft in Tirol im 16. Jahrhundert. Gerade hinsichtlich der Rolle der Frauen in dieser Zeit dürfen wir angesichts ihrer umfassenden wissenschaftlichen Kenntnisse in den nächsten Jahren auf spannende Arbeiten hoffen.
Von Anstifterinnen und Aufwieglerinnen
Zwar durften Frauen damals nur bedingt offizielle politische Funktionen einnehmen, aber gar so düster, wie das Mittelalter häufig dargestellt wird, war es zumindest für Frauen nicht. Sie wirtschafteten selbstständig und die Ehe kann eher als Arbeits- und Lebensgemeinschaft verstanden werden, wo viele unterschiedliche Aufgaben verteilt und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden mussten. Die Rollen waren weniger spezialisiert und die Handlungsräume von Frauen in der Zeit der Aufstände deshalb vielfältig.
In den Quellen tauchen sie beispielsweise als Anstifterinnen, Informantinnen und Botengängerinnen auf. Sie verbreiteten umstürzlerische Ideen und forderten die Herrschaft heraus. Frauen störten Gottesdienste und fühlten sich durch die Neuauslegung der Bibel inspiriert, selbst zu predigen.
Für Brixen deuten die Quellen darauf hin, dass Frauen an der Befreiungsaktion für Peter Pässler beteiligt waren. Ein Gnadengesuch der Frauen scheint Teil eines größeren Planes gewesen zu sein. Wahrscheinlich überlegten sich Männer und Frauen im Vorfeld gemeinsam die Eskalationsstufen auf strategische Weise. Die koordinierte Aktion um Pässlers Befreiung gab im Mai 1525 den Startschuss für die Aufstände in Tirol.
Frauen in Aktion
Die Leibeigene Margarete Renner, die wohl bekannteste Frauengestalt des sogenannten Bauernkrieges, weigerte sich, Abgaben zu zahlen und Frondienste zu leisten. Sie schloss sich dem Neckarsthaler Haufen an, den sie wohl als spirituelle Führerin und Beraterin begleitete. Sie hat die in den Kampf ziehenden Menschen gesegnet und angespornt, wie es auch Käthe Kollwitz in ihrem Bilderzyklus zum Bauernkrieg darstellte. Margarete selbst soll dabei nicht zur Waffe gegriffen haben.
Dennoch hat es auch waffentragende Frauen in den Aufständen gegeben. Dazu existieren Quellen aus Schwaben. Im Nördlinger Ries hat Els von Maihingen als Teil des Deininger Haufen ein Fähnlein angeführt. In Niederschriften über die Plünderung von Kloster Auhausen wird sie unter den Hauptleuten aufgelistet. Bei der Entwaffnung der Aufständischen in Marktoffingen mussten drei Frauen Handbuchsen, Spieße und Armbrüste abliefern.
Je nach Situation zogen damals also auch Frauen in die Schlacht. Das zeigt, dass ihnen dieser Handlungsraum nicht per se verwehrt war. Die Mehrheit von ihnen blieb jedoch auf den Höfen, kümmerte sich um die Ernte, versorgte Vieh und Nachwuchs, stellte Nachschub und Überleben sicher. An Aktionen waren sie auf lokaler Ebene trotzdem beteiligt. Gerade bei Plünderungen der Adelssitze und Klöster ist ihr Mitwirken in den Quellen häufig belegt – wussten sie doch ganz genau, welche der Lebensmittel in den Lagern der Lehnsherren, durch ihre eigenen Hände erzeugt worden waren.
Der Anfang vom Ende – die Frühe Neuzeit
Es waren nicht nur die erdrückenden Abgaben, sondern auch der Entzug von Gemeindeland, von Jagd- und Weiderechten, welche die Situation der Bäuer*innen damals immens verschlechterte. Im Artikel 15 der Salzburger Artikel, einem Forderungskatalog an die Herrschenden, heißt es beispielsweise, dass Gott die Natur für alle Menschen geschaffen habe und dass sie es für sündhaft hielten, dass die Grundherren von ihnen dafür Geld und Zins forderten.
Mit dem aufkommenden Kapitalismus etablierte sich ein Wirtschaftssystem, das alles zur Ware machte und damit die kleinbäuerliche Landwirtschaft Stück für Stück verdrängte. Nach der Niederschlagung der Freiheitsbewegung mit ungefähr 100.000 Toten konnten die Herrschenden neue Moralvorstellungen einführen. Nicht nur in den reformierten Gebieten, wurden Frauen in den privaten Bereich, in Ehe und Heim gedrängt. Die „Hausfrauisierung“, wie es Maria Mies später nannte, war eingeläutet.3 Durch den Verlust von Autonomie, beispielsweise über das Heilen, und durch die Verengung ihrer Handlungsräume wurden Frauen zu doppelt Leidtragenden des neuen „Systems“. Luthers Aufruf, alle weisen Frauen zu vernichten, mündete dann vielerorts in die sogenannte Hexenverfolgung.4
Zu hoffen ist, dass weitere engagierte Wissenschafter*innen einen emanzipatorischen Blick auf die Vergangenheit wagen. Wir brauchen dieses Wissen, das zeigt, wie unterschiedliche Handlungsräume ineinander greifen und am Ende ein tragfähiges Gewebe für emanzipatorisches Handeln entsteht. Auch in den Bäuer*innenaufständen vor 500 Jahren waren die lange Zeit unsichtbar gemachten Arbeiten (insbesondere von Frauen) die Basis für den Aufbruch. Lasst uns diese Erkenntnisse gemeinsam nutzbar machen und von vergangenen Bewegungen lernen, damit wir wieder gemeinsam für die Freiheit und ein gutes Leben für Alle aufstehen.
Bildverweis: Käthe Kollwitz (1867–1945), Losbruch, 1902/03, Strichätzung, Kaltnadel, Aquatinta, Reservage, Vernis mou mit Durchdruck, von zwei Stoffen und Zieglerschem Umdruckpapier, Kn 70 VIII b., kollwitz.de
1 Lyndal Roper (2024): Für die Freiheit. Der Bauernkrieg 1525. S. Fischer Verlag
2 Janine Maegraith ist Wirtschafts- und Sozialhistorikerin, u.a. mit einem Schwerpunkt auf die Sozialgeschichte des südlichen Tirols in der Frühen Neuzeit. Nähere Infos, siehe: regionalgeschichte.it/de/zentrum/janine-maegraith – Ein Interview zur Geschichte der Bauernkriege findet sich hier: Schwäbische Zeitung, 5.3.2024, „Von wegen passiv: Zur Rolle der Frau in den Bauernkriegen“
3 Unter „Hausfrauisierung“ wird nach Maria Mies der schrittweise Ausschluss von Frauen aus den meisten Berufen und das Abdrängen in nicht entlohnte Haus- und Sorgearbeit bezeichnet. Am Ende steht eine komplette finanzielle bzw. wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau vom Mann. Siehe: Maria Mies, Hausfrauisierung. Globalisierung. Subsistenzproduktion, in: Marcel von der Linden/Karl Heinz Roth (Hrsg.): Über Marx hinaus. Assoziation A: Hamburg 2009, S. 255–290.
4 Siehe etwa: Silvia Federici: Caliban und die Hexe. Mandelbaum Verlag: Wien 2022 (10. Aufl.) und: „Who Cares? Interview von Franziskus Forster mit Ina Ivanceanu und Anna Holl“. In: Bäuerliche Zukunft Nr. 386, 1/2025, Schwerpunkt „500 Jahre bäuerlicher Widerstand“

